r Vaterland
Paweł Pawlikowski, Poland, Germany, 2026o
In 1949, Nobel Prize-winning author Thomas Mann returns to Germany for the first time since the end of the war, accompanied and assisted by his daughter, the actress, cabaret artist and journalist Erika. From Frankfurt under American occupation to Weimar under Soviet rule, father and daughter travel across the devastated and divided country, where they remain outsiders, whilst the Mann family’s personal drama quietly escalates.
Dieser 71 Minuten kurze Film, der mit einem epischen Abspann auf deren 82 kommt, versteckt seinen Reichtum gut. Man muss hinter den Bildern und zwischen den Zeilen lesen - nur schon den Titel Vaterland. Er steht für die verlorene Heimat Deutschland, die der seit 1933 exilierte Schriftsteller Thomas Mann 1949 zusammen mit seiner Tochter Erika erstmals wieder bereiste. Doch Deutschland ist für die Schauspielerin, Journalistin und ewige Tochter Erika (Sandra Hüller) auch unübersehbar Vaters Land. Hier wird der Grossschriftsteller, der seit den mittleren 1930er Jahren unermüdlich gegen die Nazis angeschrieben hatte, vier Jahre nach der totalen deutschen Niederlage und zu Goethes 200. Geburtstags empfangen wie ein König und Erlöser: zuerst der Goethepreis und die Rede im amerikanisch besetzten Frankfurt, dann das gleiche Prozedere im sowjetisch besetzten Weimar.
Da also die Geburtsstadt, dort die Todesstadt Goethes, und an beiden Orten das indirekte Ringen um den weltberühmten Intellektuellen, von dem man sich Absolution und Glanz erhofft, während der 74jährige (Hanns Zischler in einer späten Glanzrolle), an beiden Orten wie ein Mann aus einer fernen Zeit des intakten Humanismus wirkt und in Deutschland niemals mehr heimisch werden wird. Dies alles inszeniert der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski, den man von Cold War und Ida schon als klugen Anhänger einer asketisch nuancierten Schwarzweiss-Ästhetik kennt, in maximaler Verknappung und in der Gewissheit, dass sein Publikum einen gut gefüllten bildungsbürgerlichen Rucksack wohl mitbringen werde. Einfacher zu lesen und umso berührender ist die – historisch leicht umarrangierte – Familiengeschichte der Manns, die 1949 an einem Tiefpunkt anlangt. In Südfrankreich verzweifelt der drogensüchtige Sohn Klaus, vom Vater als epigonales Muttersöhnchen eingestuft, endgültig am Leben. Die Nachricht von seinem Tod wird vom Vater und der geliebten Schwester mit bestürzender Gefasstheit aufgenommen. Der ganze weitere Film handelt unterschwellig von der Trauer, die sich durch die gepanzerten Seelen frisst, während beide im Vaterland nicht ankommen. Bis zur grandiosen Schlussszene in der Pawlikowsi den deutschen Bildungskanon in müheloser Meisterschaft mit der Familiengeschichte vereint.
Andreas Furler
