r Romería
Carla Simón, Spain, Germany, 2025o
Marina, 18, grew up with her mother’s family in Catalonia after the early death of her parents. To apply for a scholarship, she travels to the Spanish Atlantic coast to visit her father’s family, whom she has never met. There, she finds herself immersed in a bewildering world of new aunts, uncles, and cousins—and in stories that, in strange ways, differ from what she thought she knew about her parents.
Inspiriert von ihrer persönlichen Geschichte, begleitet der neue Spielfilm der Katalanin Carla Simón (Summer 1993 und Alcarràs) eine junge Frau im Jahr 2004 auf der Suche nach Auskünften über ihre Eltern, die kurz nach ihrer Geburt an AIDS gestorben sind. Nach der Matur muss Marina ein amtliches Dokument für einen Stipendienantrag von ihren Grosseltern väterlicherseits unterschreiben lassen. So kommt sie von ihrer Heimatstadt Barcelona in eine kleine Stadt in Galizien, wo sie ihre Tanten, Onkel und Cousinen kennenlernt. Die junge Frau sammelt bruchstückhafte, teils widersprüchliche Berichte über das Leben ihrer Eltern anfangs der 1980er Jahre im Kontext der der «Movida», jener kulturellen Aufbruchsbewegung, die den Übergang Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie begleitete. Die Krankheit, die sich Marinas Eltern durch Heroinkonsum zugezogen hatten, ist für die Grosseltern noch immer ein absolutes Tabu. Feinfühlig zeichnet Simón das komplexe Beziehungsgeflecht dieser Familie, die von unbewältigter Trauer geprägt ist. Zugleich Fremde und Angehörige, rührt Marina an offenen Wunden, verschärft unterschwellige Spannungen, bringt aber auch Dinge zur Sprache – so gestehen ihr etwa ein Onkel und ein Cousin die unrühmliche Haltung der Grosseltern angesichts der Krankheit ihres Sohnes. Durch ihre blosse Anwesenheit wird die Familiengeschichte neu geschrieben – und um diese Erschütterung festzuhalten, filmt Marina mit einer kleinen Videokamera Fragmente ihres Aufenthalts in Galicien. Diese Bruchstücke werden in den Film integriert, der sich zudem durch Auszüge aus dem Tagebuch von Marinas Mutter erweitert, schliesslich um eine traumähnliche Sequenz über den Freiheitsrausch der Eltern vor Marinas Geburt. Romería, ein Begriff, der zugleich eine Pilgerreise und ein gemeinschaftliches Fest bezeichnet, erreicht in diesen Bildern seinen Höhepunkt. Die Suche nach Spuren weicht der Vorstellungskraft und wird zu einer existenziellen Reise, in der Schmerz und Freude nebeneinander bestehen.
Émilien Gür
